Arbeitsplätze + Wohlstand

Macht

Arbeitsplätze sind Macht. Noch mehr Arbeitsplätze sind noch mehr Macht. Zuviel Macht ist schlecht.

Teufelskreis

Der Güglinger Bürgermeister Ulrich Heckmann sagte in der Gemeinderatssitzung vom 17.7.2018 zur Einleitung des Bebauungsplanverfahrens zum Werk 3 von Layher bei Frauenzimmern pathetisch, "Wir entscheiden heute über eine Frage der wirtschaftlichen und sozialen Stabilität im Zabergäu". Das Verfahren zum Werk 3 vom Gerüstherstellers Layher ist eine Paradebeispiel, wie die Totschlagargumente Arbeitsplätze und Wohlstand eingeworfen werden, damit die Gemeindräte und Bürgermeister das privatwirtschaftliche Interesse einer Firma zum öffentlichen Interesse erheben können und sich so über Gesetze, internationale Vereinbarungen und Nachhaltigkeitstrategien hinwegsetzen und eine Diskussion über das "Ob" nicht zulassen.

Dabei braucht es für Arbeitsplätze im Zabergäu keine neue Fabrik. Im Verhältnis zu den wenigen tausend Einwohner im Zabergäu  (Güglingen 6109 Einwohner, Stand 2015; Brackenheim ~15000, Cleebronn 2910, Stand 30.6.16; Pfaffenhofen 2357, Stand 1.1.16) gibt es mit den vielen Industrie- und Gewerbegebieten um die Ortsteile, das interkommunale Industriegebiet Langwiesen I bis III, den in den Orten integrierten Kleinbetrieben und nicht zuletzt auch der Landwirtschaft genügend Möglichkeiten zur Generierung von Gewinnen und Einkommen. Der Wohlstand hängt also nicht von einer neuen Fabrik ab, dafür gibt es mit neuen Arbeitsplätzen neue Erwartungen an Wohnraum und Pendlerverkehr.

Wenn das Wachstum der größer werden wollenden Städte und Gemeinden tatsächlich zu mehr Wohlstand führen würde, dann müssten die schon größeren Städte und Gemeinden überhaupt keine Probleme haben. Tatsächlich wird aber nur am Teufelskreis weitergedreht, der mit Erweiterungen nur kurzfristig Zufriedenheit bringt und mit Fluktuation und Veränderunge der Betriebe und der Bevölkerung, wachsenden Haushalten und Erwartungen genährt wird. Auch beim Layher-Werk 3 werden mit der Gier nach mehr die Kapazitätsgrenzen erreicht werden! Und dann weiter so?

Nicht erpressen lassen

Die Stabilität eines Wirtschaftsraums wird häufig nicht nur von neuen Arbeitsplätzen abhängig gemacht, sondern auch von der Angst, ein Unternehmen würde beleidigt alles zusammenpacken und wegziehen, wenn es nicht bekomme was es wolle. Im speziellen Fall des gewünschten Griffs nach weiteren 14 Hektar zwischen Hochwasserlinie der Zaber und Aussiedlerhöfen bei Frauenzimmern unweit der WG gelten folgende 3 Axiome womit zum einen die Angst vor Instabilität  genommen werden kann (1+2), zum anderen die Firma Layher von selbst zur Erkenntnis kommen müsste, dass ein weiteres Werk nur außerhalb gebaut werden darf (3):

  1. Bürgermeister Heckmann sagte in der Sitzung vom 17.7.18 wiederholt, dass dieses Werk völlig autark arbeitet und nicht von Produktionsschritten und  Verkehren in Eibensbach abhängig ist. Daraus folgt, dass dieses Werk nicht im Zabergäu gebaut werden muss. Das kann unabhängig von der Wachstumskritik auf einer Industriebrache außerhalb gebaut werden (z. B. schloss 2017 das Reifenwerk von Goodyear Dunlop bei Philippsburg im Landkreis Karlsruhe, in den Braunkohlegebieten mit großen toten Flächen wird eine Folgewirtschaft gesucht, Ostdeutschland ist auch durch die Bindung von Industrie in Baden-Württemberg strukturschwach)
  2. Die Layhers haben auf der Infoveranstaltung am 14. März 2018 in Frauenzimmern betont, dass sie hier nicht weg wollen. Daraus folgt, dass die Polemik, dass man Layher hier behalten wolle und daher das Werk hier brauche, haltlos ist. Oder wollen die Layhers wirklich alle Annehmlichkeiten, Immobilien, soziale Bindungen, politische Fäden aufgeben? Als Weltmarktführer sollte man fähig sein, mehrere Standorte zu betreiben.
  3. Georg Layher hatte auf derselben Infoveranstaltung selbst eingestanden, dass die Grenzen der Industrialisierung im Zabergäu erreicht ist, als er sagte "Eigentlich gehören die Werke nicht hierher".

Wohlstand?

Der britische Ökonom Tim Jackson hat 2009 den Klassiker "Wohlstand ohne Wachstum" geschrieben und zeigte auf, wie Gemeinschaften innerhalb der ökologischen  und räumlichen Grenzen unseres Planeten gedeihen können. Deutschland wirtschaftet mit seinem Ressourcenhunger hochgerechnet so, als gäbe es 3 Erden. Der Schatz, den die Bundesrepublik hat, sind die gemäßtigten Breiten, in denen wir gut gedeihen können. Durch diese extraktivistische Wirtschaft wird das aufs Spiel gesetzt.

Auch die Enquete-Kommission des Bundestags "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" befasste sich  in der Legislaturperiode 2009 bis 2013 angesichts eines absurden exponentiellen Wachstums und der dadurch ausgelösten Katastrophen ringsum mit einem anderen Ausdruck von Wohlstand.

Wenn die Zabergäugemeinden ihre Stabilität chronisch mit weiterem Verschleiß sichern möchten, sollten sie sich mit Postwachstumsökonomie, Gemeinwohlökonomie und linken Ansätzen zum sozial-ökologischen Umbau auseinandersetzen. Ein Anfang wäre die Einladung von Referenten, tolerante Gemeinderatssitzungen mit mehr Diskurs. Auch ein über die  Gemeindegrenzen reichendes Denken wäre hilfreich, Ansagen an eine staats- und kommunenstärkende Fiskalpolitik statt Deregulierung, Steuerschlupflöcher und Aufrüstung. Eventuell Zusammenlegung von Verwaltungseinheiten zur souveräneren Bewältigung von Problemen.

Input

Fachkräftemangel in der Region Heilbronn-Franken, IHK Heilbronn Franken 7.2.2019

Nico Semsrott in der heute-Show vom 5.4.2019. Wunderbar hatte er dort das Totschlagargument Arbeitsplätze thematisiert.
Alles Schöne ist durch Arbeitsplätze gefährdet: Freiheit, Gesundheit, Arbeitnehmerrechte, Mindestlohn, eine intakte Umwelt, Luft. Arbeitsplätze haben mehr Rechte als Menschen. Muss ein Hafen 110 km von der Küste entfernt sein, die Elbe deswegen immer weiter zu vertieft werden? Menschenrechte gefährden Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie -> Totschlagargument